Wie sinnvoll ist eine Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche?

Sollen Kinder und Jugendliche gegen Corona geimpft werden? Das ist eine Frage, die in Deutschland heiß diskutiert wird und die gar nicht so einfach zu beantworten ist. Denn Jüngere haben ein niedriges Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken oder gar zu versterben. Macht die Impfung dann Sinn? Wenn ja, warum? Worauf muss man achten – und wie häufig sind Impfreaktionen und Nebenwirkungen?

Welche Impfstoffe gibt es für Kinder?

Seit dem 7. Juni können sich Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren in Deutschland impfen lassen. Zugelassen ist dafür der Impfstoff von Biontech. Beim Impfstoff von Moderna gibt es eine entsprechende Empfehlung durch die Fachleute der Europäischen Arzneimittelagentur. Sobald die Europäische Kommission zustimmt, ist auch dieser Impfstoff für Kinder verwendbar. Italien ist bereits einen Schritt weiter und hat den Impfstoff freigegeben. 

Wie wirksam ist die Impfung für Kinder?

Laut Zulassungsstudie erreicht der Biontech-Impfstoff eine Wirksamkeit von 100 Prozent bei Kindern und Jugendlichen. Die Zulassung eines Impfstoffs für Kinder kann erst beantragt werden, wenn es belastbare Daten gibt, die die Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs zeigen. 

Für die Biontech-Studie wurden deshalb an 2.200 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren untersucht, wie gut die Impfung eine Covid-19-Erkrankung verhindern kann und wie verträglich die Impfstoffe sind. Eine Hälfte der Teilnehmenden bekam dabei den Biontech-Impfstoff, die andere ein Scheinmedikament (Placebo) in Form einer Kochsalzlösung gespritzt. Das Ergebnis wurde zwei Monate nach der zweiten Impfung ermittelt: Umgerechnet auf 1.000 Probanden erkrankten demnach 16 Kinder an Corona, die ein Placebo erhalten hatten. Dagegen erkrankte keines der Kinder, das geimpft worden war. 

Es gab in der Zulassungsstudie auch keine Hinweise darauf, dass es durch die Impfung zu schweren Nebenwirkungen gekommen sei. Vorübergehende Beschwerden wie kurzfristige Erschöpfung, Kopfschmerzen, Muskel- oder Gelenkschmerzen oder Fieber wurden allerdings doppelt so häufig verzeichnet wie bei den Teilnehmern, die ein Scheinmedikament erhalten hatten. Die Symptome seien laut Studie aber meist mild gewesen und hätten nur wenige Tage angedauert.

Was empfiehlt die Impfkommission?

Aktuell hält sich die Ständige Impfkommission (STIKO) mit einer allgemeinen Impf-Empfehlung für Minderjährige noch zurück. Nur Kindern mit bestimmten Vorerkrankungen legen die Wissenschaftler die Impfung grundsätzlich nahe. Bei diesen steige das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs. Laut einer neuen Studie betrifft das etwa elf Prozent der 12- bis 17-Jährigen – und damit rund 450.000 Jugendliche. Knapp die Hälfte davon leidet unter Asthma. Die Liste der Vorerkrankungen umfasst zwölf Krankheiten, darunter Adipositas, Diabetes, Herzfehler, chronische Lungenerkrankungen und Trisomie 21. Die STIKO behält sich allerdings vor, ihre Empfehlung zur Corona-Impfung für Jugendliche jederzeit anzupassen. 

Das Hauptargument der STIKO der eher defensiven Haltung ist die Tatsache, dass die Datenlage zur Sicherheit der Impfung noch zu dünn sei. Zudem wird das Risiko für gesunde Minderjährige, infolge einer Corona-Infektion schwer zu erkranken, als gering eingeschätzt. Zu den möglichen Long-Covid-Folgen, die Kinder nach einer Ansteckung erleiden können, gibt es nach Ansicht der des Expertengremiums ebenfalls zu wenig Daten. Deshalb wolle man auf mehr Daten warten.

„STIKO-Empfehlungen sind aber nicht in Stein geschlagen“, erklärte Gremium-Mitglied Fred Zepp, ehemaliger Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin Mainz. „Wenn wir in ein oder zwei Monaten erweiterte Erkenntnis haben, dann haben wir immer noch Spielraum, darüber erneut zu beraten und das eventuell anzupassen.“ Der Vorsitzende Thomas Mertens nahm das Gremium gegen Vorwürfe in Schutz. „Viele Menschen haben eine ganz falsche Vorstellung von der Arbeit der STIKO“, sagte der Virologe. „Wir diskutieren keine Meinungen, sondern wir diskutieren Daten.“

Was raten die Ärzte?

Angesichts der wieder schnell steigenden Corona-Infektionszahlen in Deutschland sprechen sich die deutschen Amtsärzte mittlerweile dafür aus, auch Kinder ab zwölf Jahren zu impfen. „Wenn die Impfstoffe getestet, geprüft und zugelassen sind, sehe ich keinen Grund, sie nicht zur Impfung zu empfehlen, auch für Jüngere“, erklärte Frau Dr. Ute Teichert, die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte. Die Inzidenzen seien in den niedrigeren Altersgruppen besonders hoch. Das werde sich bald in die noch jüngeren Gruppen verschieben. Teichert: „Warum sollten wir diese Altersgruppen nicht vor Corona schützen?“ Zumal jüngere Menschen viele Kontakte hätten, da sei es besonders sinnvoll, sie zu impfen. Für den Fall einer weiteren Corona-Welle sagte die Ärztin schwerwiegende Folgen voraus. „Wenn die Infektionszahlen wieder deutlich zunehmen und die Inzidenz steigt, werden die Gesundheitsämter die Lage nicht mehr unter Kontrolle halten können.“

Was sagt die Politik?

Gesundheitsminister Spahn wirbt intensiv für die Impfkampagne und hofft auch ohne allgemeine Expertenempfehlung auf eine rege Beteiligung junger Menschen. 

„Es ist natürlich ein Impfangebot. Die Entscheidung, ob geimpft wird, treffen die Eltern und die Jugendlichen selbst.“ Die Versorgung mit Impfstoffen habe sich inzwischen allerdings derart verbessert, dass alle Kinder und Jugendlichen bis Ende August einen ersten Termin erhalten könnten, sagte Spahn. Wer wolle, könne geimpft werden. Die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission seien wichtige Leitlinien, ergänzte der Gesundheitsminister. Aber es gebe eben am Ende auch einen sicheren und zugelassenen Impfstoff für alle Menschen über zwölf Jahren, der nach individueller Abwägung und Entscheidung verabreicht werden könne. Es sei bereits klar, dass es in nicht geimpften Bevölkerungsgruppen ab Herbst viele Infektionen geben werde, sagte Spahn. Eine hohe Impfquote sei daher wichtig. 

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder argumentiert, dass Schülerimpfungen „das wirksamste Mittel“ gegen die sich rasch ausbreitende Delta-Variante seien. In jüngeren Altersgruppen seien die Inzidenzzahlen am höchsten. Die STIKO solle daher dringend überlegen, wann sie Schutzimpfungen für Jugendliche empfehle. Dann könne schnell gezielt an Schulen geimpft werden. Ähnlich argumentiert SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Er hofft, dass geimpfte Jugendliche nach den Ferien „in ein weitgehend normales Schuljahr starten“ können. 

Müssen die Eltern einer Impfung zustimmen?

Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren sind in die deutsche Impfkampagne eingebunden, können also unabhängig von Vorerkrankungen geimpft werden. Für Kinder unter zwölf Jahren gibt es bislang keinen zugelassenen Impfstoff. Eine Impfpflicht besteht nicht – Eltern können gemeinsam mit ihrem Kind frei entscheiden, ob sie es impfen lassen möchten oder nicht. Dabei können sich Jugendliche ab einem bestimmten Alter auch frei und ohne Zustimmung ihrer Eltern für eine Impfung entschließen. 

Nachfolgend die konkreten Bestimmungen:

  • Ab 16 Jahren: Jugendliche über 16 dürfen selbst entscheiden, ob sie sich impfen lassen wollen. Die Eltern müssen einer Impfung nicht zustimmen, ihr Widerspruch wäre juristisch unbeachtlich. 
  • Von 14 bis 16 Jahren: In diesem Alter kommt es darauf an, ob der Jugendliche die Bedeutung und Tragweite seiner Entscheidung erkennen, angemessen beurteilen und danach handeln kann. Dies nennt man Einwilligungsfähigkeit. Wenn diese gegeben ist, genügt seine Einwilligung. Andernfalls müssen die Eltern zustimmen. 
  • Vor Vollendung des 14. Lebensjahres: In diesem Alter ist die Einwilligungsfähigkeit grundsätzlich nicht gegeben, so dass die Eltern einer Impfung zustimmen müssen.

Sollte die Zustimmung der Eltern nötig sein, müssen beide Elternteile zustimmen, sofern nicht ein Elternteil alleine sorgeberechtigt ist. In Fällen, bei denen zwar die Eltern eine Impfung wünschen, das Kind aber nicht, muss die Impfung unterbleiben.

Fazit: Was sind die Pro-Argumente – und was spricht dagegen?

Auf der Contra-Seite stehen Aspekte wie die noch eher dünne Datenlage und die medizinische Risiken-Nutzen-Abwägung (mögliche Nebenwirkungen in Relation zum geringen Erkrankungsrisiko). Schließlich geht es aber auch um ethische Überzeugungen. Fred Zepp von der Ständigen Impfkommission stellt dazu fest: „Bei Kindern, die gesund sind und eigentlich komplikationslos durch den Infekt gehen, wäre die Impfung zunächst mal überwiegend zum Schutz von Erwachsenen gedacht. Und dann sollten wir auch zunächst die Erwachsenen impfen.“

Allerdings spricht auch Vieles für eine Impfung. 

  • Vorsorge: Bei Kindern verläuft Covid-19 nur in seltenen Fällen schwer, fast nie tödlich. Trotzdem gibt es Kinder, die akut erkranken, im Krankenhaus behandelt werden müssen und an gravierenden Spätfolgen leiden. Das könnte eine Impfung verhindern. 
  • Ansteckungsminimierung: Kinder und Jugendliche haben auch ein besonders hohes Risiko, sich im Alltag anzustecken – diese Altersgruppe könnte bei fortschreitendem Impftempo zum letzten Teil der Bevölkerung werden, in dem das Virus noch weiter zirkuliert. 
  • Mehr Freiheiten: Nach dem derzeitigen politischen Plan bringt erst eine Impfung (oder eine nachgewiesene Genesung) zahlreiche Freiheiten zurück. Auch glauben viele Experten, dass es erst eine gewisse Normalität an Schulen und in Kitas geben wird, wenn zahlreiche Kinder und Jugendliche geimpft sind. 
  • Andere schützen: Das Prinzip, andere durch Impfungen zu schützen, ist nicht neu. Wenn die Herdenimmunität erreicht werden soll, ist es hilfreich, dass sich so viele Menschen wie möglich impfen lassen – auch Kinder.

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